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<title>Kippfigur</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Kippfigur</span></h1>
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<p>Eine <b>Kippfigur</b> oder ein <b>Kippbild</b> ist eine Abbildung, die zu spontanen <a href="Gestaltpsychologie" title="Gestaltpsychologie">Gestalt</a>- bzw. <a href="Wahrnehmung" title="Wahrnehmung">Wahrnehmungswechseln</a> führen kann. Eine Erklärung dieses Phänomens findet sich auf der Seite <a href="Multistabile_Wahrnehmung" title="Multistabile Wahrnehmung">multistabile Wahrnehmung</a>. Synonyme Begriffe sind <i>Inversionsfigur</i>, <i>Reversionsfigur</i> sowie <i>Umschlagfigur</i>. Mit Kippfiguren verwandte Phänomene sind sogenannte <a href="Vexierbild" title="Vexierbild">Vexierbilder</a> und <a href="Unm%C3%B6gliche_Figur" title="Unmögliche Figur">unmögliche Figuren</a> wie das <a href="Penrose-Dreieck" title="Penrose-Dreieck">Penrose-Dreieck</a>.
</p>

<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Beispiele">Beispiele</h2></div>

<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Der_Necker-Würfel"><span id="Der_Necker-W.C3.BCrfel"></span>Der Necker-Würfel</h3></div>
<p>Die Zeichnung stellt anscheinend das Gittermodell eines Würfels dar. Die beiden großen, sich überschneidenden Quadrate können dabei jeweils sowohl Vorder- als auch Rückseite sein. Somit erkennt man je nach Fokussierung einen links unten beginnenden Würfel, auf den man entweder von rechts oben draufsieht oder den man von links unten betrachten kann. Der Name geht zurück auf den Schweizer Geologen <a href="Louis_Albert_Necker" title="Louis Albert Necker">Louis Albert Necker</a> (1786–1861), der den Effekt der <a href="Bistabil" class="mw-redirect" title="Bistabil">bistabilen</a> Wahrnehmung im Jahr 1832 zuerst an Kristallzeichnungen beschrieb.
</p><p>Ende des 19.&nbsp;Jahrhunderts bis zum Beginn des 20.&nbsp;Jahrhunderts waren Kippfiguren, die auf dem <i>Necker-Würfel</i> beruhten, sehr populär und wurden gerne auch als <i>Scherzpostkarten</i> verbreitet.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Krater/Hügel"><span id="Krater.2FH.C3.BCgel"></span>Krater/Hügel</h3></div>

<p>Viele Betrachter erkennen im linken Teilbild einen <a href="H%C3%BCgel" title="Hügel">Hügel</a>, rechts einen <a href="Mondkrater" title="Mondkrater">Krater</a>. Dennoch handelt es sich um dasselbe Bild, einmal um 90° entgegen und einmal um 90° mit dem Uhrzeigersinn gegenüber der Ausgangslage im Originalbild gedreht. Ein heller Rand oben legt eine Anhöhe nahe, ein dunkler Rand unten einen Schatten, hervorgerufen durch einen abfallenden Hügel. Im zweiten Teilbild ist es genau umgekehrt.
</p><p>Diesen Effekt nutzen <a href="Grafische_Benutzeroberfl%C3%A4che" title="Grafische Benutzeroberfläche">grafische Benutzeroberflächen</a> bei der Bildschirmdarstellung von <a href="Schaltfl%C3%A4che" title="Schaltfläche">Schaltflächen</a>. Eine helle obere und dunkle untere Begrenzungslinie lässt einen hervorstehenden Knopf vermuten, umgekehrte Helligkeitsverhältnisse einen eingedrückten.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Die_Schröder-Treppe"><span id="Die_Schr.C3.B6der-Treppe"></span>Die Schröder-Treppe</h3></div>

<p>Die 1858 von <a href="Heinrich_Georg_Friedrich_Schr%C3%B6der" title="Heinrich Georg Friedrich Schröder">Heinrich Georg Friedrich Schröder</a> (1810–1885) publizierte Schröder-Treppe zeigt ebenfalls zwei perspektivische Orientierungen. Im linken Teilbild geht das Mädchen die Treppe hinunter, dem Ball hinterher. Der Mann scheint im Raum zu schweben. Eine Drehung des Bilds um 180°, rechtes Teilbild, invertiert die Treppenperspektive und lässt ihn nun die Treppe hinaufsteigen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Weitere_Beispiele">Weitere Beispiele</h3></div>


<ul><li>Das Pokalprofilmuster zeigt entweder zwei schwarze, sich anschauende Gesichter oder einen Pokal (jeweils im Profil). Dieses Beispiel wird dem dänischen Psychologen <a href="Edgar_Rubin" title="Edgar Rubin">Edgar J. Rubin</a> (1886–1951) zugeschrieben.</li>
<li>Bei dem Bild <a href="Meine_Frau_und_meine_Schwiegermutter" title="Meine Frau und meine Schwiegermutter">Meine Frau und meine Schwiegermutter</a> sieht der Betrachter entweder eine junge Frau, deren Gesicht vom Betrachter wegschaut, oder eine alte Frau.</li>
<li><a href="Die_T%C3%A4nzerin_(Animation)" title="Die Tänzerin (Animation)">Die Tänzerin</a> ist eine animierte Kippfigur, die als links- oder rechtsdrehend wahrgenommen werden kann.</li>
<li>Der <a href="Mond" title="Mond">Vollmond</a> mit seinen dunklen Flecken (fachsprachlich <a href="Mare_(Mond)" title="Mare (Mond)">Maria</a>). Je nach Kopflage sieht man entweder ein Gesicht oder ein Kaninchen.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Kippfiguren_in_der_Philosophie_Wittgensteins">Kippfiguren in der Philosophie Wittgensteins</h2></div>
<p>In <a href="Ludwig_Wittgenstein" title="Ludwig Wittgenstein">Wittgensteins</a> Sprachphilosophie spielt das Phänomen des Aspektwechsels bei der Betrachtung einer Kippfigur eine zentrale Rolle. In seinen Nachlassschriften zu den <a href="Philosophische_Untersuchungen" title="Philosophische Untersuchungen">Philosophischen Untersuchungen</a> nimmt er häufig als Beispiel zur Veranschaulichung den <a href="Hase-Ente-Illusion" class="mw-redirect" title="Hase-Ente-Illusion"><i>Hasen-Enten-Kopf</i></a>, aber auch andere.
Seine Überlegungen untersucht die Frage, was „sehen als&nbsp;…“ im Unterschied zum „normalen“ Sehen bedeutet. Seine Untersuchungen gehen so weit, dass er den Begriff auf verschiedenste Bereiche ausdehnt, wie z.&nbsp;B. das „Betrachten“ eines Musikstückes als fröhlich, traurig, hektisch etc.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Äquivalent_in_der_Musik"><span id=".C3.84quivalent_in_der_Musik"></span>Äquivalent in der Musik</h2></div>
<ul><li><a href="Minimal_Music" title="Minimal Music">Minimal Music</a> – hier zeigen sich Kippbilder in der zeitlichen Wahrnehmungsstrukturierung.</li>
<li>Im gleichschwebend temperierten Stimmungssystem (<a href="Wohltemperierte_Stimmung" title="Wohltemperierte Stimmung">Wohltemperierte Stimmung</a>) macht man sich die Mehrdeutigkeit bestimmter Akkorde zunutze, um möglichst bruchlos von einer Tonart in eine andere zu wechseln (<a href="Modulation_(Musik)" title="Modulation (Musik)">Modulation (Musik)</a>). Theoretisch taugt dazu jeder Akkord, den man verschiedenen Tonarten zuordnen kann. Die musikalische „Kippfigur“ besteht ebenfalls in einem Perspektivwechsel: Erscheint der Akkord zunächst nur als Bestandteil der Ausgangstonart, so kann er durch eine geeignete Umgebung harmonisch so „beleuchtet“ (umgedeutet) werden, dass er plötzlich als Bestandteil der Zieltonart aufgefasst wird.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Anwendung_in_der_Literatur">Anwendung in der Literatur</h2></div>
<p><a href="Robert_Gernhardt" title="Robert Gernhardt">Robert Gernhardt</a> veröffentlichte 1986 einen Erzählband mit dem Titel <i>Kippfigur</i>, bei dem die Umschlag-Illustration eine doppelte Doppeldeutigkeit bietet: Vor dem Hintergrund einer Würfel-Landschaft (= perspektivische Kippfiguren) sitzt eine Figur, die „einen kippt“ (trinkt).
</p><p>Nach der Analyse durch Shlomith Rimmon können einige Erzählungen von <a href="Henry_James" title="Henry James">Henry James</a> als literarische Kippfiguren betrachtet werden, da sie verbale und narrative <a href="Ambiguit%C3%A4t" class="mw-redirect" title="Ambiguität">Ambiguität</a> aufweisen.
</p><p><a href="Thomas_Maria_Mayr" title="Thomas Maria Mayr">Thomas M. Mayr</a> hat 2023 in seinem Buch "Stellen Sie sich vor. Kippgedichte - Vexiergedichte" das Prinzip der Kippfigur in die Lyrik übertragen. Er definierte Kippgedichte als eine Lyrik, die 1) auf zwei (evtl. mehrere) – in der Regel konträre oder komplementäre – Lesarten/Aussagen <i>abzielt</i> (!), 2) zwischen diesen eine Spannung besteht, 3) die ein oder mehrere "Kippmomente" bzw. "Kipppunkte" enthält, 4) die Versionen gleichberechtigt nebeneinander stehen und sich 5) auf das Gedicht als Ganzes beziehen.
</p>

<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Siehe_auch">Siehe auch</h2></div>
<ul><li><a href="Binokulare_Rivalit%C3%A4t" title="Binokulare Rivalität">Binokulare Rivalität</a></li>
<li><a href="Optische_T%C3%A4uschung" title="Optische Täuschung">Optische Täuschung</a></li>
<li><a href="Kaninchen-Ente-Illusion" title="Kaninchen-Ente-Illusion">Kaninchen-Ente-Illusion</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li>Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: <i>Lexikon der Psychologie</i>. Herder, Freiburg im Breisgau 2007, ISBN 3-86756-037-4.</li>
<li>Heinrich Georg Friedrich Schröder: <i>Ueber eine optische Inversion bei Betrachtung verkehrter, durch optische Vorrichtung entworfener, physischer Bilder</i>. In: <i><a href="Annalen_der_Physik_und_Chemie" class="mw-redirect" title="Annalen der Physik und Chemie">Annalen der Physik und Chemie</a></i>, Bd. 181 (= Folge 2; Bd. 105), 1858, S. 298–311 (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k15190f/f310.item"><i>Volltext</i></a> – auf <a href="Gallica" title="Gallica">Gallica</a>).</li>
<li>Kay Junge, Werner Binder, Marco Gerster, Kim-Claude Meyer (Hrsg.), <i>Kippfiguren. Ambivalenz in Bewegung</i>, Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2013, ISBN 978-3-942393-61-4.</li>
<li>Christoph F. E. Holzhey (Hrsg.): <i>Multistable Figures. On the Critical Potential of Ir/Reversible Aspect-Seeing.</i> Turia + Kant, Wien/Berlin 2014, ISBN 978-3-85132-734-2 (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://oa.ici-berlin.org/repository/doi/10.37050/ci-08">open access</a>).</li>
<li>Kippbilder. In: <i>Hermeneutische Blätter</i>, Bd. 27, Nr. 1+2, 2021, E-ISSN 1660-5578 (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.hermeneutische-blaetter.uzh.ch/issue/view/254">open access</a>).</li>
<li>Necker LA: <i>Observations on some remarkable optical phaenomena seen in Switzerland; and on an optical phaenomenon which occurs on viewing a figure of a crystal or geometrical solid</i>. Lond Edinb Philos Mag J Sci. 1832; 1: 329–337. <a href="https://doi.org/10.1080/14786443208647909" class="extiw external" title="doi:10.1080/14786443208647909">doi:10.1080/14786443208647909</a>.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Rundfunkberichte">Rundfunkberichte</h2></div>
<ul><li>Martin Hubert: <a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.deutschlandfunk.de/hirnforschung-das-hypothesengenie.740.de.html?dram:article_id=274367"><i>HIRNFORSCHUNG – Das Hypothesengenie – Das Gehirn als Vorhersagemaschine</i></a> <i>(<a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.deutschlandfunk.de/hirnforschung-manuskript-das-hypothesengenie.740.de.html?dram:article_id=274983">Manuskript</a>)</i>, <a href="Deutschlandradio" title="Deutschlandradio">Deutschlandradio</a>, <i><a href="Wissenschaft_im_Brennpunkt" class="mw-redirect" title="Wissenschaft im Brennpunkt">Wissenschaft im Brennpunkt</a></i> vom 19. Januar 2014.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
<div class="sisterproject" style="margin:0.1em 0 0 0;"><div class="noresize noviewer" style="display:inline-block; line-height:10px; min-width:1.6em; text-align:center;" aria-hidden="true" role="presentation"><span class="mw-default-size" typeof="mw:File"><span title="Commons"></span></span></div><b><span class=""><a class="external text" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Reversible_figure?uselang=de"><span lang="en">Commons</span>: Kippbilder</a></span></b>&nbsp;– Sammlung von Bildern und Videos</div>
<ul><li><a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.opvis.de/vexierbilder-und-kippbilder">Kippbilder</a> und andere visuelle Illusionen</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://doi.org/10.11588/diglit.2137#0147">Zeitschrift Fliegende Blätter, Nr. 2465, S. 145, 1892</a>, Universität Heidelberg, Heidelberger historische Bestände – digital</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://mitpress.mit.edu/contributors/john-p-frisby">John P. Frisby</a>: <i>Optische Täuschungen – Sehen, Wahrnehmen, Gedächtnis</i>, Weltbild Verlag Augsburg, 1987, S. 127, ISBN 3-926187-24-7 (früher erschienen im Heinz Moos Verlag München, ISBN 3-7879-0176-0). Titel der englischen Originalausgabe: <i>Seeing, Illusion, Brain and Mind</i>, Oxford University Press, ISBN 0-19-217672-2</span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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